Buhrufe in Stuttgart: Wie Celans Todesfuge Wagners Meistersinger sprengte

Claudia Schmidt
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Ein Vintage-Plakat mit einer Frau in einem weißen Kleid, die eine Harfe spielt und ein Mikrofon hält, mit der Aufschrift "Geschichten der Wagner-Oper" oben und einer Menge im Hintergrund.Claudia Schmidt

Buhrufe in Stuttgart: Wie Celans Todesfuge Wagners Meistersinger sprengte

Eine jüngste Aufführung der Meistersinger in Stuttgart sorgte für Aufsehen, als Teile des Publikums eine Regieentscheidung mit Buhrufen bedachten. Regisseurin Elisabeth Stöppler hatte Paul Celans Todesfuge – ein Gedicht eines Holocaust-Überlebenden – während Wagners Vorspiel zum dritten Akt vortragen lassen. Der Vorfall hat die Debatte über künstlerische Interpretation und Publikumreaktionen in der Oper neu entfacht.

Ein Beobachter, der einst eine Ring-Inszenierung in derselben Stadt vehement abgelehnt hatte, reflektiert heute, wie sich seine eigene Haltung im Laufe der Zeit gewandelt hat.

Bei der Premiere am 7. Februar 2026 führte die Entscheidung, Celans erschütterndes Gedicht mit Wagners Musik zu verbinden, zu hörbarem Unmut. Johannes Lachermeier, Kommunikationschef der Stuttgarter Staatsoper, verurteilte die Buhrufe später als respektlos – nicht nur gegenüber der Inszenierung, sondern auch gegenüber Celan selbst. Dirigent Cornelius Meister lenkte das Orchester souverän durch den Moment und half so, die Spannungen zu entschärfen, ohne dass es zu weiteren Unterbrechungen kam. Bei der zweiten Vorstellung soll die Atmosphäre deutlich ruhiger gewesen sein, doch die Kontroverse blieb bestehen.

Der Vorfall erinnert an frühere Konflikte zwischen Publikum und avantgardistischen Inszenierungen. Ein Zuschauer, der sich an seine eigene anfängliche Empörung über einen Stuttgarter Ring-Zyklus erinnerte, gab zu, dass er vier Produktionen damals so anstößig fand, dass er sie als Angriff auf Wagners Erbe empfand. Jahre später jedoch zählt er genau diesen Ring-Zyklus zu seinen prägendsten Opernerlebnissen. Diese Veränderung der Perspektive hat ihn dazu gebracht, zwischen dem Ausbuhen von Künstlern – das er nach wie vor ablehnt – und Buhrufen als Ausdruck eines tiefen inneren Konflikts zu unterscheiden, den er heute besser nachvollziehen kann.

Lachermeiers Frustration findet beim Beobachter Widerhall, der die Bedeutung von Celans Werk und die notwendige Sensibilität bei der Verbindung mit Wagners Musik anerkennt. Gleichzeitig räumt er ein, dass starke Reaktionen – selbst negative – sich mit der Zeit und durch Reflexion in Wertschätzung verwandeln können.

Der Stuttgarter Vorfall verdeutlicht die anhaltende Spannung zwischen Tradition und Innovation in der Oper. Zwar hat das Opernhaus keine weiteren Stellungnahmen abgegeben, doch die Diskussion zeigt, wie persönlich und mitunter polarisierend künstlerische Entscheidungen sein können. Für manche mögen selbst die umstrittensten Inszenierungen irgendwann einen Platz im Herzen finden.

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