Kölner Stadtarchiv: 15 Jahre nach dem Einsturz bleibt die Wunde offen
Claudia SchmidtKölner Stadtarchiv: 15 Jahre nach dem Einsturz bleibt die Wunde offen
Fünfzehn Jahre nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs in einen Grundwasserkrater bleibt die Stelle eine Narbe im Stadtbild. Die Katastrophe von 2009 zerstörte nicht nur Dokumente aus 1.000 Jahren Geschichte, sondern forderte auch zwei junge Männer das Leben, die in der Nähe lebten. Seitdem haben juristische Auseinandersetzungen, Aktivistenkampagnen und stockende Bauarbeiten das Gelände in einer Art Schwebezustand zurückgelassen.
Der Einsturz ereignete sich während des Baus der Kölner Nord-Süd-Stadtbahn, die von den Kölner Verkehrsbetrieben (KVB) verantwortet wurde – obwohl das Unternehmen zuvor keine Erfahrung mit Projekten dieser Größenordnung hatte. Vor der Katastrophe waren kritische Stahlträger gestohlen und an einen Schrotthändler verkauft worden, was die Statik des Bauwerks schwächte. Als sich der Grundwasserkrater öffnete, verschlang er das Archiv mitsamt 1,7 Millionen Dokumenten innerhalb von Minuten.
Die umliegenden Gebäude erlitten schwere Schäden. Risse zogen sich durch historische Kirchen wie St. Maria im Kapitol und St. Georg und verschärften das Ausmaß der Zerstörung. Die juristischen Folgen zogen sich jahrelang hin – mit Verurteilungen, Freisprüchen und Verfahrensverzögerungen. Bis 2024 wurde der Fall schließlich eingestellt, da das öffentliche Interesse nachließ und prozessuale Fehler eine weitere Aufarbeitung unmöglich machten.
Aktivist:innen der Initiative ArchivKomplex kämpfen seit 2011 für eine Mitsprache bei der Neugestaltung des Geländes und eine würdige Gedenkstätte. 2022 wurde Reinhard Matz' Klagelied in acht Tafeln, eine künstlerische Hommage an den Einsturz, an der Bauzäunen installiert. Doch die Baustelle selbst bleibt unvollendet. Eine teilweise Betonverfüllung 2023 hinterließ Sandhügel und verwilderte Sträucher – ein eindringliches Mahnmal für die unvollendete Aufarbeitung.
Nun soll der provisorische Beton entfernt werden, und die Bauarbeiten an der Stadtbahn werden fortgesetzt. Das Projekt verspricht nach wie vor eine Reisezeitverkürzung um acht Minuten – ein schwacher Trost angesichts der verlorenen Menschenleben und der ausgelöschten Geschichte.
Der Einsturz des Kölner Stadtarchivs hinterließ mehr als nur ein Loch im Boden. Zwei Männer starben, jahrhundertealte Aufzeichnungen gingen verloren, und benachbarte Wahrzeichen tragen bis heute die Spuren der Zerstörung. Mit eingestellten Gerichtsverfahren und langsam voranschreitenden Bauarbeiten steht die Stadt nun vor der Frage, wie – oder ob – sie dem Verlorenen angemessen gedenken will.






