Halberstadts vergessene jüdische Geschichte: Wie die DDR Erinnerung unterdrückte
Claudia SchmidtHalberstadts vergessene jüdische Geschichte: Wie die DDR Erinnerung unterdrückte
Ein neues Buch von Philipp Graf untersucht die verwickelte Geschichte der jüdischen Gemeinde Halberstadts in der DDR. „Verweigerte Erinnerung: Die jüdische Geschichte Halberstadts in der DDR“ zeigt, wie der offizielle Antifaschismus des Staates mit dem fortbestehenden Antisemitismus kollidierte. Das einst blühende neo-orthodoxe jüdische Zentrum der Stadt wurde zwischen 1938 und 1942 ausgelöscht – Wunden, die noch lange nach dem Krieg nachwirkten.
Die Zerstörung der Halberstädter Synagoge während des Novemberpogroms 1938 markierte den Beginn der Auslöschung der Gemeinde. Bis 1942 waren ihre Mitglieder deportiert oder ermordet worden. Nach dem Krieg blieb nur Willy Calm übrig, der 1961 als einziger offizieller Ansprechpartner für jüdische Belange fungierte.
1949 entstand am Standort des ehemaligen Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt eine Gedenkstätte. Sie ehrte zunächst die Opfer von Zwangsarbeit, doch ihre Bedeutung verschob sich im Laufe der Zeit. 1969 gestaltete die DDR sie zu einem Ort für politische Kundgebungen und Treuegelöbnisse um. Zwei Jahrzehnte später, 1979, wurden die Stollen des Lagers als militärisches Depot für die Nationalen Volksarmee zweckentfremdet.
Trotz der antifaschistischen Rhetorik der DDR tauchte Antisemitismus in subtileren Formen wieder auf. Als die Rathauspassagen in Halberstadt 2018 verkauft wurden, gab es Flüstertöne von einem „Verkauf an die Juden“ – allein wegen der jüdischen Eigentümer. Grafs Buch argumentiert, dass es bereits 1949 und 1989 Instrumente gegen sowohl rechtsextremen als auch linksautoritären Antisemitismus gab – doch sie wurden oft ignoriert.
Jüdisches Kulturleben in der DDR hinterließ dennoch Spuren: Lin Jaldati veröffentlichte drei LPs in Ost-Berlin, während Romane wie Peter Edels „Die Bilder des Zeugen Schattmann“ oder Jurek Beckers „Jakob der Lügner“ Aspekte jüdischen Erbes bewahrten. Doch diese Beiträge wurden häufig von den widersprüchlichen Politik des Staates überlagert.
Grafs Werk legt den Widerspruch zwischen den antifaschistischen Bekundungen der DDR und ihrem Umgang mit jüdischer Geschichte offen. Das Buch dokumentiert, wie Halberstadts jüdische Vergangenheit getilgt, umgedeutet und gelegentlich erinnert – doch selten wirklich aufgearbeitet wurde. Heute steht das Erbe der Stadt als Mahnmal dafür, wie Autoritarismus – ob von links oder rechts – die Vergangenheit verzerren und unterdrücken kann.






